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Cholesterin: Warum führen Statine oft zu Muskelschmerzen?

Mann sitzt mit Medikamentenflasche auf einer Bank, Modell eines Herzens und Stethoskop auf einem Tisch daneben.

In Hausarztpraxen und kardiologischen Ambulanzen: Wenn Statine auf die Muskulatur schlagen

In Hausarztpraxen und kardiologischen Ambulanzen berichten Patientinnen und Patienten unter Statinen oft von lästigen Muskelschmerzen oder ungewohnter Schwäche. Viele setzen die Therapie still und heimlich ab – aus Sorge, dass die Behandlung mehr schadet als nutzt. Neue Forschung aus den USA liefert nun Hinweise darauf, was tief im Inneren der Muskelfaser passieren könnte – und wie künftige Medikamente diese Nebenwirkungen reduzieren könnten.

Statine: lebensrettend, aber oft nur widerwillig eingenommen

Statine werden verschrieben, um LDL – das sogenannte „schlechte“ Cholesterin – zu senken und das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall zu reduzieren. Sie zählen weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Arzneimitteln.

Für die meisten Menschen sind Statine gut verträglich. Ein relevanter Anteil berichtet jedoch über Muskelweh, Krämpfe, Steifigkeit oder ein Erschöpfungsgefühl, etwa beim Stiegensteigen oder beim Tragen von Einkaufstaschen. Diese Beschwerden werden oft als „Statin-Unverträglichkeit“ bezeichnet.

Muskelschmerzen sind einer der Hauptgründe, warum Patientinnen und Patienten eine Statintherapie abbrechen – selbst bei hohem kardiovaskulärem Risiko.

Ärztinnen und Ärzte stehen dann vor einem schwierigen Abwägen: Soll man an einem Medikament festhalten, das das Herz schützt, oder dem Wunsch nach Absetzen nachkommen, weil der Alltag unangenehm geworden ist?

Neue Forschung deutet auf ein Kalzium-Leck in Muskelzellen hin

Ein Team der Columbia University in New York hat genauer untersucht, was bestimmte Statine in Muskelzellen auslösen könnten. Die im Journal of Clinical Investigation veröffentlichte Arbeit konzentriert sich darauf, wie die Medikamente mit einem Schlüsselprotein der Muskelkontraktion interagieren.

Was in der Muskelfaser passiert

Muskelzellen ziehen sich zusammen und entspannen sich durch fein abgestimmte Bewegungen von Kalziumionen. Diese Ionen werden in einem Speicherkompartiment innerhalb der Zelle gelagert und bei Bedarf freigesetzt, wenn der Muskel kontrahieren soll.

Die Freisetzung wird über einen Kanal gesteuert, den sogenannten Ryanodin-Rezeptor. Dieses Protein sitzt in der Membran des Kalziumspeichers und funktioniert wie ein Tor, das bei einem Nervensignal kurz aufgeht.

Die Forschenden fanden, dass ein häufig verschriebenes Statin, Simvastatin, an den Ryanodin-Rezeptor binden und sein normales Verhalten stören kann.

Mithilfe der Kryo-Elektronenmikroskopie – einer hochentwickelten Bildgebung, bei der Moleküle „eingefroren“ und mit nahezu atomarer Detailtiefe sichtbar gemacht werden – zeigte das Team, dass die Bindung von Simvastatin mit einem abnormalen „Leck“ von Kalzium zusammenhängt. Statt streng kontrolliert zu bleiben, sickern kleine Mengen Kalzium in die Muskelzelle, sogar wenn der Muskel eigentlich in Ruhe sein sollte.

Wie ein Kalzium-Leck zu Schmerzen führen könnte

So ein dauerhaftes Leck klingt zunächst geringfügig – aber Muskeln sind auf Präzision angewiesen. Zu viel Kalzium in der Zelle kann:

  • die Energieproduktion stören und Müdigkeit verstärken
  • die innere „Maschinerie“ der Muskelfaser belasten
  • über die Zeit kleinste Schäden begünstigen

Bei manchen Menschen könnte dieser dauerhafte Hintergrundstress die Muskulatur schwächer oder schmerzhafter wirken lassen – besonders nach Belastung oder am Tagesende. Die Forschenden vermuten, dass dieser Mechanismus einen Teil der statinassoziierten Muskelbeschwerden erklären könnte.

Selbst wenn dieser Weg nur einen Teil der Fälle erklärt, betrifft er weltweit dennoch sehr viele Patientinnen und Patienten.

Die Studie behauptet nicht, dass jede Muskelschmerz-Episode unter Statinen durch dieses Kalzium-Leck entsteht. Muskelbeschwerden sind komplex und hängen u. a. mit Alter, Trainingsniveau, anderen Medikamenten und individueller Empfindlichkeit zusammen. Aber sie liefert eine konkrete, überprüfbare Erklärung für zumindest einen Teil der berichteten Beschwerden.

Nicht alle Statine wirken gleich

Die Studie fokussierte auf Simvastatin, das weit verbreitet ist und relativ fettlöslich (lipophil) – es kann Zellmembranen daher leichter passieren. Diese Eigenschaft könnte beeinflussen, wie stark es mit Muskelproteinen interagiert.

Andere Statine wie Pravastatin oder Rosuvastatin unterscheiden sich in ihrer chemischen Struktur und in ihrem Verhalten im Körper. Manche sind wasserlöslicher (hydrophiler) und gelangen möglicherweise weniger leicht in Muskelzellen. Das könnte erklären, warum manche Patientinnen und Patienten ein Statin deutlich besser vertragen als ein anderes.

Häufiges Statin Typische Anwendung Muskelsymptome bei manchen Patient:innen?
Simvastatin Seit Langem im Einsatz, häufig verschrieben Ja, Fokus der neuen Kalzium-Leck-Studie
Atorvastatin Intensive Cholesterinsenkung Bei einem Teil der Anwender:innen berichtet
Rosuvastatin Starke LDL-Senkung, oft 1× täglich Meist gut verträglich, Symptome kommen aber vor

Für Betroffene bedeutet diese Variabilität: Ein Wechsel des Statins oder eine Dosisanpassung kann manchmal Beschwerden lindern, ohne den schützenden Effekt fürs Herz zu verlieren.

Können wir den Nutzen behalten und den Schmerz loswerden?

Das Columbia-Team sieht zwei mögliche Wege zu einer künftig besser verträglichen Behandlung: Statine neu designen und/oder das Kalzium-Leck direkt blockieren.

Die Statin-Struktur neu entwickeln

Eine Idee ist, die chemische Struktur von Statinen so zu verändern, dass sie weiterhin die Cholesterinproduktion in der Leber hemmen, aber nicht mehr an den Ryanodin-Rezeptor im Muskel andocken.

Wenn man Cholesterinsenkung von der unerwünschten Muskel-Interaktion trennt, könnten künftige Medikamente das Herz schützen – mit weniger Muskelweh.

Solche medizinalchemischen Entwicklungen brauchen Zeit. Die starke LDL-Wirkung muss erhalten bleiben, während gleichzeitig auch subtile Effekte auf Muskelproteine geprüft werden. Die neuen Strukturdaten aus der Kryo-Elektronenmikroskopie geben dafür jedoch ein klareres Ziel vor.

Medikamente, die das Kalzium-Leck „abdichten“

Ein zweiter Ansatz setzt direkt am Muskel an. Einige experimentelle Medikamente werden bereits bei seltenen erblichen Muskelerkrankungen getestet, bei denen der Ryanodin-Rezeptor übermäßig Kalzium „leckt“.

Diese Wirkstoffe sollen den Rezeptor stabilisieren, den Kanal weniger „leck“ machen und so chronischen Stress auf Muskelfasern reduzieren. Wenn sie sich in diesen seltenen Erkrankungen als sicher und wirksam erweisen, könnte dieselbe Strategie auch bei Patientinnen und Patienten eingesetzt werden, deren Muskelschmerzen durch Statine ausgelöst werden.

Das Testen von Leck-blockierenden Medikamenten bei statininduzierter Myopathie könnte Linderung bringen, ohne Hochrisikopatient:innen von der Therapie zu drängen.

Worauf Patient:innen unter Statinen achten können

Die meisten Menschen unter Statinen bekommen nie ernsthafte Muskelprobleme. Dennoch hilft es, auf bestimmte Zeichen zu achten, um Probleme früh zu erkennen. Typische Symptome, die man ärztlich ansprechen sollte, sind:

  • neue oder zunehmende Muskelschmerzen, Druckschmerz oder Krämpfe
  • ungewöhnliche Schwäche, z. B. Probleme beim Stiegensteigen oder beim Heben leichter Gegenstände
  • dunkler Urin oder starke Erschöpfung – das gehört dringend abgeklärt

Ärztinnen und Ärzte reagieren oft mit Blutkontrollen, einer Dosisreduktion, einem Statinwechsel oder einem größeren Einnahmeintervall. In manchen Fällen wird das Medikament vorübergehend pausiert, um zu sehen, ob sich die Beschwerden bessern, und danach unter enger Kontrolle wieder begonnen.

Ein paar Fachbegriffe – einfach erklärt

Die Wissenschaft rund um Statin-Nebenwirkungen kann sperrig klingen; ein kurzes Glossar hilft:

  • Ryanodin-Rezeptor: Kalziumkanal im Muskel, der wie ein Tor wirkt und Kalzium freisetzt, wenn der Muskel kontrahiert.
  • Kalzium-Leck: langsames, unerwünschtes Austreten von Kalzium aus dem Speicher, das Muskelzellen ermüden und schädigen kann.
  • Myopathie: Sammelbegriff für Erkrankungen bzw. Funktionsstörungen der Muskulatur – von leichter Schwäche bis zu schwereren Schäden.
  • Kryo-Elektronenmikroskopie: Bildgebungsverfahren, bei dem Moleküle bei sehr tiefen Temperaturen eingefroren werden, um ihre Struktur in hoher Detailgenauigkeit sichtbar zu machen.

Herzschutz und Alltagstauglichkeit in Balance bringen

Statine bleiben eine der tragenden Säulen der kardiovaskulären Prävention. Bei hohen Cholesterinwerten und zusätzlichen Risikofaktoren können sie das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall über die nächsten Jahre spürbar senken.

Diese Vorteile entstehen jedoch nur, wenn die Therapie auch durchgehalten wird. Wer Tabletten nach wenigen Monaten absetzt, weil bei jedem Spaziergang die Beine schmerzen, verliert womöglich Jahre an Schutz. Ein besseres Verständnis der biologischen Ursachen von Muskelnebenwirkungen öffnet die Tür zu gezielterer Behandlung: Medikamentenwahl, Dosierung und eventuell Zusatztherapien könnten besser an die individuelle Verträglichkeit angepasst werden.

Praktisch bleibt die Botschaft vorerst einfach: Wer unter Statinen anhaltende Muskelbeschwerden bemerkt, sollte offen mit einer medizinischen Fachperson sprechen – statt die Tabletten still abzusetzen. Währenddessen arbeiten Forschende daran, künftige Cholesterinmedikamente muskelverträglicher zu machen, ohne den Schutz der Gefäße zu verlieren.

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