Deine Freundin sitzt schon wieder weinend auf deiner Couch.
„I weiß eh, i weiß eh, i muss mi einfach mehr selber lieben“, sagt’s und tupft sich die Wimperntusche vom Kinn.
Du wiederholst den Satz, den du schon tausendmal auf Instagram gelesen hast: „Du musst dich zuerst selber lieben.“ Klingt schön. Klingt richtig.
Aber wie sie dann geht, fällt dir was Merkwürdiges auf:
Sie hat Duftkerzen, Affirmationen auf Post-its, drei Self-Love-Workbooks und ein Self-Care-Sonntag-Ritual.
Trotzdem geht’s immer wieder zurück in denselben Job, der sie aussaugt.
Zum selben Partner, der sie ghostet.
In der Nacht, im Dunkeln, taucht ein anderer Satz in deinem Kopf auf:
Was, wenn Selbstliebe nicht das Problem ist.
Was, wenn das fehlende Teil was viel weniger Glänzendes ist – und viel Unangenehmeres.
Respekt.
Warum „Selbstliebe“-Talk dich leise festhalten kann
Scroll durch irgendeinen Feed und du siehst’s sofort: Pastell-Zitate übers Sich-selber-Lieben, „mit sich selber daten“, Schaumbäder, Blumen „einfach so“.
Klingt lieb. Fast wie emotionales Dessert.
Die Idee ist überall, so dominant, dass sie zu hinterfragen sich falsch anfühlt.
Wenn du unglücklich bist, heißt es: Du liebst dich nicht genug.
Wenn deine Grenzen übergangen werden, heißt es: „Arbeit halt noch a bissl an deinem Selbstwert.“
Und trotzdem: Schau dich um.
Viele Leute können sagen „I bin a Fang“ und beantworten trotzdem um 2 Uhr früh Nachrichten von wem, der sich am Tag nicht meldet.
Irgendwas passt da nicht zam.
Nimm Emma, 32, beschäftigt, gescheit, komplett versunken in Personal-Growth-Content.
Sie sagt jeden Morgen Affirmationen: „I bin wertvoll, i bin liebenswert, i bin genug.“
Ihr Handy-Hintergrund ist ein Pinterest-Board voller Sprüche.
Die Therapeutin hat „Inner Child Work“ empfohlen.
Sie journalt, macht Yoga, trinkt Zitronenwasser, zündet „Intention“-Kerzen an.
Dann kommt der Montag.
Der Chef „scherzt“ wieder, dass sie in Meetings zu emotional sei.
Sie lacht’s weg, arbeitet länger, und beantwortet E-Mails um 23:47.
Emma fehlt nicht an Selbstliebe-Ritualen.
Was ihr fehlt, ist eine Linie, die sie nicht zulässt, dass andere sie übertreten.
Liebe ist ein Gefühl.
Respekt ist eine Regel.
Du kannst dich theoretisch lieben und trotzdem Verhalten aushalten, das dieser Liebe praktisch widerspricht.
Du kannst sagen „I verdien’s besser“ und trotzdem bleiben – weil das Gefühl nicht stark genug ist, dich durch Unannehmlichkeit zu tragen.
Respekt ist anders.
Respekt ist Verhalten.
Respekt wird zu: „Wennst noch einmal so mit mir redest, geh i aus dem Raum.“
Weniger glamourös als ein Rosenquarz-Bad, aber um Welten lebensverändernder.
Selbstliebe kann jahrelang abstrakt bleiben. Respekt verlangt, dass du diese Woche was änderst.
Von weicher Selbstliebe zu harter Selbstachtung
Eine einfache Methode: Tausch in jedem Satz „Liebe“ gegen „Respekt“ und schau, was sich verschiebt.
Statt „I muss mi mehr lieben“: „I muss mi mehr respektieren.“
Sofort geht’s weg vom Gefühl hin zur Handlung.
Respekt stellt konkrete Fragen:
Rastest du, wenn du fix und fertig bist – oder scrollst du bis 2 in der Früh?
Bleibst du dort, wo du dauerhaft abgewertet wirst, nur weil du Angst hast, neu anzufangen?
Selbstliebe lebt oft im Kopf und in deinen Instagram-Storys.
Selbstrespekt zeigt sich in deinem Kalender, deinem Kontoauszug und deinem Chat-Verlauf.
Eine häufige Falle: Selbstliebe als endloses Hausübung-Projekt.
Noch ein Buch, noch ein Kurs, noch ein Healing-Retreat – mit der stillen Hoffnung: „Wenn i mi endlich vollständig liebe, hör i auf, Krümel zu akzeptieren.“
So funktioniert’s im Leben selten.
Seien wir ehrlich: Niemand zieht das jeden einzelnen Tag perfekt durch.
Wir sind chaotische, widersprüchliche, abgelenkte Menschen.
Und genau da hilft Respekt.
Respekt verlangt nicht, dass du dich perfekt fühlst.
Er verlangt, dass du aufhörst, Dinge zu tun, die dir aktiv wehtun – auch wenn dein Selbstwert grad wackelt.
Du kannst dir denken: „I bin a Chaos“, und trotzdem entscheiden: „I antworte auf beleidigende Nachrichten nimmer.“
Das ist nicht Selbstliebe.
Das ist eine Grenze.
Echter Respekt klingt weniger nach „I bin a strahlende Lichtgöttin“ und mehr nach „I lauf niemandem nach, der mich als Plan B behandelt.“
- Sag einmal am Tag „Nein“
Fang klein an. Lehn eine Bitte ab, die nicht wichtig ist und für die du keine Energie hast. Trainier dein Nervensystem, Enttäuschung auszuhalten. - Mach einen „Leak“-Check
Schau, wo deine Zeit, dein Geld und deine Aufmerksamkeit hingehen. Welche Beziehungen oder Gewohnheiten lassen dich kleiner werden oder grantig und bitter zurück? - Schreib eine „Respekt-Regel“ auf
Beispiel: „Keine Antworten auf Nachrichten, die nur kommen, wenn wer fadisiert oder b’soffen ist.“ Häng sie dir sichtbar hin. Halt dich dran, auch wennst dich einsam fühlst. - Red mit dir wie mit einer anständigen Kollegin/einem anständigen Kollegen
Nicht wie ein Cheerleader, nicht wie ein Mobber. Einfach fair: „Du bist müde. Mach das morgen fertig. Nein, du bist nicht faul. Du hast den ganzen Tag gearbeitet.“ - Merk, wann du deinen Körper übergehst
Das Seufzen, bevor du „Ja“ sagst. Der Knoten im Magen vor einem Anruf. Genau da würd Selbstrespekt meistens anders entscheiden.
Wie Respekt leise dein Leben umschreibt
Respekt trendet nicht so hübsch wie „Self-Love-Journey“.
Er ist weniger fotogen, dafür sperriger.
Vielleicht heißt das, du sagst Drinks ab mit Leuten, bei denen du insgeheim dauernd Eindruck schinden willst.
Vielleicht heißt das, du schreibst dieses eine furchterregende E-Mail und verlangst die Gehaltserhöhung, die du seit drei Jahren aufschiebst.
Vielleicht heißt das, du gibst zu, dass eure „fast“-Beziehung eigentlich keine Beziehung ist.
Du musst dich nicht anhimmeln, um das zu tun.
Du musst nur entscheiden, dass du für gewisse Arten von Schmerz nimmer verfügbar bist.
Und dann am ganz normalen Mittwoch danach handeln.
Das Komische ist: Oft kommt Selbstrespekt zuerst – und Selbstliebe erst später.
Du hörst auf, Mitternachts-Nachrichten zu beantworten, und Monate später steigt dein Selbstwert.
Du sagst Nein zu unbezahlten „Chancen“, und erst dann fühlst du dich wertvoll.
Verhalten formt Glauben.
Wenn du dich wiederholt schützt, aktualisiert dein Gehirn langsam die Geschichte:
„Vielleicht bin i wer, den’s wert ist, dass man ihn schützt.“
Das ist das leise Geheimnis, das viele Coaches auslassen, wenn sie sagen: „Lieb dich halt mehr.“
Der Shortcut ist nicht, anders zu fühlen.
Es ist, lang genug anders zu handeln, bis die Gefühle nachziehen.
Selbstliebe ist nicht nutzlos.
Sie kann trösten, heilen, weich sein.
Das Problem beginnt, wenn sie zur spirituellen Ausrede wird, um Konflikt, harte Entscheidungen oder Weggehen zu vermeiden.
Du musst nicht warten, bis du magst, was du im Spiegel siehst.
Du musst nicht jede Wunde geheilt haben, bevor du grundlegenden Anstand einforderst.
Du musst nicht endlos nett zu dir sein, um aufzuhören, endlos grausam zu dir zu sein.
Fang kleiner an.
Fang gröber an.
Frag: „Wie würd Selbstrespekt in genau dieser Situation ausschauen?“
Lass die Antwort ein bissl Angst machen.
Lass sie unperfekt sein.
Respekt braucht nicht, dass du bereit bist.
Er braucht nur, dass du fertig bist mit deiner eigenen Vernachlässigung.
| Kernaussage | Detail | Nutzen für die Leser:innen |
|---|---|---|
| Selbstliebe kann abstrakt bleiben | Affirmationen und Rituale fühlen sich gut an, ändern aber nicht automatisch Verhalten | Hilft dir zu verstehen, warum du dich „festg’steckt“ fühlst, obwohl du so viel Mindset-Arbeit machst |
| Selbstrespekt ist verhaltensbasiert | Zeigt sich in Grenzen, Entscheidungen und dem, was du nimmer tolerierst | Gibt dir einen konkreten Hebel, wenn sich dein Leben „schief“ anfühlt |
| Kleine Regeln formen Selbstwert | Tägliche „Respekt-Regeln“ verschieben langsam, wie du dich siehst und behandelst | Bietet einen praktischen Weg zu mehr Selbstvertrauen, ohne erst „vollständig Selbstliebe“ erreichen zu müssen |
FAQ:
- Frage 1: Ist Selbstliebe dann falsch?
Selbstliebe ist nicht falsch – sie ist nur unvollständig, wenn sie nur im Kopf bleibt. Sie wird stark, wenn sie mit Selbstrespekt gekoppelt ist, der sich in deinem Alltag zeigt: im Kalender, in Beziehungen und in deinen Grenzen.- Frage 2: Woran merk i, ob i mi respektier?
Schau auf deine Handlungen, wenn keiner zuschaut. Rastest du, wenn du erschöpft bist, gehst du weg von abwertendem Verhalten, und hältst du Versprechen an dich selbst zumindest manchmal ein? So schaut Respekt aus.- Frage 3: Was, wenn i mi nicht würdig genug fühl, Grenzen zu setzen?
Du musst dich nicht zuerst würdig fühlen. Tu eine Zeit lang „als ob“. Setz eine klitzekleine Grenze und halt sie. Lass das Gefühl von Würde daraus wachsen, dass du sie durchziehst.- Frage 4: Denken die Leute dann nicht, i bin egoistisch, wenn i mi mehr respektier?
Manche vielleicht – vor allem jene, die von deinen fehlenden Grenzen profitiert haben. Dieses Unbehagen gehört zur Veränderung. Menschen, die dich wertschätzen, passen sich an; die anderen haben auf deine Selbstvernachlässigung gebaut.- Frage 5: Wo fang i an, wenn mein Leben eh schon a Chaos ist?
Nimm einen Bereich: Arbeit, Liebe oder Gesundheit. Schreib eine „Respekt-Regel“ dafür auf – klein, aber klar. Üb sie eine Woche lang. Dann kommt die nächste dazu. Kleine, konsequente Akte von Respekt werden schneller größer, als du glaubst.
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