Zum Inhalt springen

Eltern sind verärgert, weil Schulen klassische Literatur durch Social-Media-Influencer ersetzen, um das Interesse der Schüler zu steigern.

Ein Junge liest in einem Klassenzimmer ein Buch, umgeben von Mitschülern; ein Smartphone zeigt ein Videochat.

Der Glockenton läutet um 8:15 Uhr, und der Geruch von trockenen Expo-Filzstiften mischt sich mit dem Surren von Smartphone-Benachrichtigungen. Auf der Whiteboardfläche, wo früher „Shakespeare – Akt III“ gestanden ist, leuchtet jetzt eine frische Folie: „Wie dieser TikTok-Star Angst besiegt hat (und du kannst das auch).“ Eine Lehrkraft in Sneakers und Jeansjacke klickt auf Play, und eine Influencerin im Ringlicht erzählt was von „authentisch bleiben“ – vor einem Raum voll Vierzehnjähriger.

Hinten beim Tag der offenen Tür starren die Eltern: halb beeindruckt, halb entsetzt. Eine Mutter flüstert: „Wo ist das Buch?“ Eine andere scrollt auf der neuen Seite der Schule zum „innovativen Curriculum“, der Kiefer wird fester.

Die Kids schauen zu – aber alle anderen auch.

Von Shakespeare zu Short-Form: eine Revolution im Klassenzimmer

Im ganzen Land tauschen Schulbezirke still und leise staubige Romane gegen virale Videos aus. Nicht als Nebenbei-Extra, sondern als Hauptgang. Statt Wer die Nachtigall stört zu lesen, analysieren Schüler:innen die Storytelling-„Hooks“ von YouTubern und zerlegen Instagram-Captions nach „Stimme und Ton“.

Für Administrator:innen, die unter Druck stehen, Noten oben und Drop-out-Raten unten zu halten, ist die Logik simpel: Kinder leben am Screen – also holt die Schule dorthin, wo sie ohnehin sind. Zuerst Engagement, dann Kultur.

Der Wechsel fühlt sich schnell, chaotisch und irgendwie unheimlich vertraut an. Wie wenn wer ein historisches Gebäude neonfarben anmalt, ohne zu fragen, wer drinnen noch wohnt.

In einem Vorortbezirk in Texas lesen Neuntklässler:innen im ersten Semester keinen ganzen Roman mehr. Die neue Literacy-Unit baut auf drei „High-Impact Digital Creators“ auf – alle mit Millionen Followern und glänzenden Brand-Deals.

Die Schüler:innen schreiben Essays darüber, wie ein:e Influencer:in „Authentizität aufbaut“, und erstellen danach ihren eigenen „Personal-Brand-Pitch“ statt klassischer Buchberichte. Die Schule postet die Arbeiten stolz auf TikTok und taggt die Eltern. Manche jubeln in den Kommentaren. Andere schreiben leise dem Direktor ein Mail und fragen, warum ihr Kind noch nie von George Orwell gehört hat.

Die darauffolgende Schulratssitzung ist brechend voll. Das Wort „Experiment“ fällt oft. Und niemand kann ganz genau sagen, wer das zuerst abgenickt hat.

Das ist nicht nur Nostalgie nach ledergebundenen Büchern. Es geht darum, womit wir Teenager in diesen fragilen, elektrischen Jahren ringen lassen. Klassische Literatur zwingt dich, still zu sitzen, Komplexität auszuhalten, Figuren zu begegnen, die du vielleicht nicht magst, und sie trotzdem zu verstehen.

Influencer-Content ist für Klicks gebaut, nicht für Nachdenken. Sein Job ist, deinen Daumen in Bewegung zu halten – nicht deinen Kopf. Wenn er als Ersatz ins Klassenzimmer kommt statt als Werkzeug, verändert er Tempo und Tiefe vom Lernen.

Seien wir ehrlich: Ein 30-Sekunden-Motivations-Reel kann nicht das leisten, was 300 Seiten komplizierter, unangenehmer Gedankenarbeit leisten.

Wie Schulen Influencer nutzen könnten, ohne die Bücher rauszuwerfen

Es gibt einen Mittelweg, über den bei diesen hitzigen Meetings fast niemand redet. Lehrkräfte können Influencer-Content als Einstieg verwenden – nicht als ganze Stunde. Man beginnt bei dem, was Schüler:innen kennen, und baut dann eine Brücke zu dem, was sie noch nie getroffen haben.

Eine konkrete Methode: „Pairing“. Eine Lehrkraft zeigt z. B. eine dreiminütige Influencer-Story über Online-Mobbing und liest dann eine Passage aus einem Klassiker, der Ausgrenzung oder Scham behandelt. Die Klasse mappt Ähnlichkeiten: Wer sagt was? Wer bleibt still? Wie schaut Macht aus? Die Influencerin wird zum Spiegel, das Buch zum Fenster.

So ersetzt Engagement nicht die Tiefe. Es macht die Tür zu ihr auf.

Eltern, die sich überrumpelt fühlen, sind oft in eine stille Falle getappt: Sie haben angenommen, der Lehrplan schaut heute noch so aus wie damals. Das hat sich geändert. Schnell.

Statt nur zu protestieren, sagen viele Pädagog:innen: Am wirksamsten ist es, sehr konkrete Fragen zu stellen. Welche Texte fliegen raus, und was kommt exakt dafür rein? Werden Influencer als Literatur behandelt, als Werbung – oder als Mischung aus beidem? Wer entscheidet, welche Creator ins Klassenzimmer dürfen, und wie werden sie auf versteckte Sponsorings oder politische Botschaften geprüft?

Wir kennen alle diesen Moment, wo man merkt, dass sich der Boden unter den Füßen verschoben hat, während man einfach nur versucht hat, durch die Woche zu kommen.

Eltern und Lehrkräfte, die das friedlich gelöst haben, teilen oft dieselbe Haltung: neugierig bleiben – und dann konkret werden. Eine Englischlehrerin hat mir erzählt, sie schickt ihre Leselisten heim, mit einer kurzen Notiz, warum sie zusätzlich zu einem Gedicht einen Podcast oder ein Video dazunimmt.

„Ich bin nicht gegen Influencer“, sagt Maria, eine Lehrerin aus Boston mit 18 Jahren im Klassenzimmer. „Ich bin dagegen, Weisheit durch Trend-Audio zu ersetzen. Meine Schüler:innen packen beides: TikTok und Toni Morrison. Das System muss nur aufhören, sie zu unterschätzen.“

  • Fordere den Syllabus an vor Schulbeginn und lies ihn wie einen Vertrag – nicht wie einen Vorschlag.
  • Bitte um ein Treffen pro Jahr, wo Eltern, Lehrkräfte und Schüler:innen darüber reden, was „Literacy“ heute heißen soll.
  • Schlag Pairings vor: Für jeden Influencer-Clip ein gehaltvoller Text mit echter erzählerischer Tiefe.
  • Schau ein zugeteiltes Video mit deinem Kind und lies dann gemeinsam ein Kapitel – und redet über Unterschiede bei Tempo, Emotion und Nuancen.
  • Wenn die Schule sagt, es sei „zu spät zum Ändern“: Regeln werden von Menschen gemacht, nicht in Stein gemeißelt.

Was diese Debatte eigentlich über uns sagt

Unter der Empörung über Influencer im Unterricht liegt eine leisere Angst: dass wir eine Generation großziehen, die endlos swipen kann, aber schwer damit tut, mit sich selbst still zu sein. Klassische Literatur verlangt Geduld, Fantasie und eine Art innere Ausdauer, die dir kein Algorithmus in zehn Sekunden schenken kann.

Gleichzeitig geht Influencer-Kultur nicht weg. Sie ist die Luft, die Teenager atmen. Statt so zu tun, als könnten wir sie aus der Schule aussperren, ist die eigentliche Frage: Wer kontrolliert den Schalter? Lassen wir Plattformen das Lerntempo vorgeben, oder bringen wir Kindern bei, langsamer zu scrollen und zu fragen: „Wer profitiert, wenn ich das glaube?“

Einige Familien werden kämpfen, um die alten Bücher zurückzubringen. Andere werden die neuen Medien umarmen. Die meisten stecken im chaotischen Dazwischen – und versuchen, Aufmerksamkeitsspannen zu retten, während Rechnungen, Hausübung und Gruppenchats immer mehr werden.

Die Spannung in diesem Klassenzimmer in Texas – zwischen der leuchtenden Folie und dem fehlenden Taschenbuch – ist nicht nur Bildungspolitik. Es geht um die Geschichte, die wir jungen Menschen erzählen: Was ist ihre Zeit wert, und wessen Stimme soll in ihrem Kopf nachhallen, lange nachdem die Glocke geläutet hat?

Kernpunkt Detail Nutzen für Leser:innen
Der Lehrplan verschiebt sich schnell Manche Schulen ersetzen ganze Romane durch Einheiten rund um Social-Media-Creators Hilft Eltern zu erkennen, dass das nicht hypothetisch ist und lokal schon passieren kann
Influencer können Werkzeuge sein, keine Ersatzteile „Pairing“ von digitalem Content mit Klassikern hält Engagement, ohne Tiefe zu verlieren Bietet eine praktische, ausgewogene Strategie statt „alles oder nix“
Eltern können die Debatte noch mitgestalten Syllabi anfordern, fragen, wie Creator ausgewählt werden, transparente Kriterien einfordern Gibt konkrete Hebel und einen Weg von Angst zu Handlung

FAQ:

  • Frage 1 Warum verwenden Schulen plötzlich Influencer in Englisch- und Literaturunterricht?
  • Frage 2 Ist es immer schlecht, wenn Lehrkräfte Social Media in den Unterricht holen?
  • Frage 3 Was soll ich die Schule meines Kindes fragen, wenn ich Angst habe, dass Klassiker gestrichen werden?
  • Frage 4 Können Schüler:innen aus Influencer-Content wirklich kritisches Denken lernen?
  • Frage 5 Was kann ich daheim tun, wenn die Schule ihren Zugang nicht ändern will?

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen